Themenschwerpunkt Immersion 11/18: Beunruhigende „Zeichen einer Veränderung“ 


(veröffentlicht in: Die Deutsche Bühne, Januar 2019)

Die Beiträge zum Themenschwerpunkt Immersion (Heft 11/18) weisen in ihrer Breite nicht nur auf die Möglichkeiten dieser neuen Kunst- und Theaterform hin, sondern auch auf ihr Gefahrenpotenzial.
Vor allem im Interview mit Thomas Oberender wird das deutlich.
Was in den Darlegungen von Oberender auffällt, ist eine seltsame Begriffsverwirrung, die schwer zu erklären ist. Unter anderem konstatiert er:

„Dank der VR Brille schaue ich nicht mehr in den Wald, sondern ich bin im Wald“.

Auch "Dank VR Brille" ist der Zuschauer natürlich ebenso wenig im Wald wie bei allen anderen Formen des Theaters oder sonstiger darstellender Künste. Der Unterschied liegt lediglich darin, dass nun andere technische Mittel herangezogen werden, um die Illusion zu erzeugen. Das Spiel mit der Illusion und dem Durchbrechen der Illusion zieht sich dagegen quer durch die Theatergeschichte und macht einen der grundlegenden Reize des Theaters aus. Der Unterschied, dem Oberender so eine große Bedeutung beimisst, ist also nur eine Nuance. Allerdings eine Nuance, die fatale Wirkung haben kann. 
Denn was sich Oberender von diesem technischen Hilfsmittel verspricht, nämlich, dass dem Zuschauer die Möglichkeit genommen wird, das Gemachte der »Realität«, die er betrachtet, zu erkennen, läuft auf die Zerstörung der Phantasie und des Vorstellungsvermögens des Zuschauers hinaus, der sonst auf spielerische Weise einen Wald sieht, wo nur Versatzstücke vorhanden sind.
Aber ohne Phantasie, ohne das Vermögen, sich etwas vorzustellen, was (noch) nicht ist, ist ein Nachdenken über mögliche und nötige Veränderungen der Welt nicht möglich. Sie erscheint als unveränderlich und hierin liegt eine nicht zu unterschätzende Gefahr.
Es stellt sich damit die dringliche Frage, was die Verwendung dieser Mittel bezwecken, wo sie hinführen soll. 
Oberender konstatiert:

„Das Genre ist Ausdruck einer Veränderung“.

Damit spielt er in erster Linie auf eine Veränderung unseres Wahrnehmungs- und Rezeptionsvermögens an.  Aber durch welche (oder besser: wessen) Interessen wurde diese Veränderung bewirkt, vor allem wenn man sich bewusst macht, dass hinter dem mir als Realität vorgegaukeltem »Wald« (ebenso wie hinter dem gegebenen Zustand dieser Welt) Macher mit Name und Anschrift stecken? Jene Macher, die uns in den interaktiven »Gefügen, Gemengenlagen und Biotopen, die wir als Zuschauer mitbesiedeln«, die Freiheit der Handlung und aktiven Einmischung suggerieren, während tatsächlich alle richtungsweisenden, entscheidenden Handlungsmuster vorgegeben sind. Frau Behrend schreibt in ihrem Schwerpunkt-Beitrag zu Recht, dass der Zuschauer so schnell zum manipulierten Akteur einer anonym vorbestimmten »Realität« wird, während die Möglichkeiten, die Hintergründe zu durchschauen und Veränderungen ins Auge zu fassen weitestgehend ausgeschaltet werden.
Es handelt sich hier also um eine lediglich vorgespiegelte Freiheit, die Oberender mit weiteren Neuerungen verknüpft, die bei näherem Betrachten keine sind. Zum Beispiel:

»Scripts« kontra »zu sprechendem Text«:


Es kann nur dem spontanen Interview-Format geschuldet sein, dass ein versierter Theatermann meint, Theater habe bisher auf vorgeschriebenen Texten beruht. Das Mittel der Improvisation zieht sich ebenso wie das Spiel mit der Illusion - ebenso übrigens wie das Erproben alternativer Narrationsformen, die Oberender als weiteres Novum der „Immersion“ anführt - quer durch die Theatergeschichte. Von der stark ausgeprägten Form des Theaters der Shakespeare-Zeit, der Commedia dell’arte bis hin zu Meyerholdt oder den Wiener Aktivisten beispielsweise.
Dass die Freiheit des Agierenden dagegen wirklich größer ist, wenn ihm zwar nicht die Wörter aber sehr wohl die Aktion und Rede vorgeschrieben ist, kann allerdings niemand ernstlich annehmen.
Wenn das „script“ in der immersiven Theaterform aber für sogenannte „Aktionsmodule“ steht, mit denen das in den „Biotopen“ agierende „Personal" auf den Zuschauer - und dessen individuelle Aktionen/Reaktionen - scheinbar eingeht, um ihn tatsächlich in ein vorgegebenes „Konzept“, eine „Idee“ zu integrieren, dann nimmt das Theater unter dem Deckmantel der „avantgarde“ die Mechanismen einer „Kontrollgesellschaft“ vorweg, wie sie von Oberender als bereits real existierende konstatiert wird
Die radikale Loslösung vom vorgegebenen Text und die damit verbundene Rückbesinnung auf ältere Traditionen improvisierten (»gescripteten« Theaters), von der Theateravantgarde des 20. Jahrhunderts als kreative Verunsicherung gedacht, nicht nur eine Attacke auf unser Wahrnehmungssystem, sondern auf die Ordnung der Welt, wird so in etwas zutiefst Affirmatives überführt.
Statt sich also an einer „Innovation“ zu begeistern, die bei näherem Hinsehen gar keine ist, scheint daher vielmehr eine gründliche kritische Analyse notwendig.


textentwurf für interdisziplinäres bob dylan-projekt


„Der Tod ist ein Irrtum“
(Heiner Müller)

  „The night is filled with shadows, the years are filled with early doom
I’ve been conjuring up all these long dead souls from their crumblin’ tombs“
Bob Dylan: Rollin’ and Tumblin’ (2006)  

In seinem Drehbuch „Masked and Anonymous“ entwirft Dylan ein Mysterienspiel in der Tradition mittelalterlicher Totentänze: In einer durch globale Krisen und Korruption erschütterten Diktatur  wird ein buntes Figuren-Karussell aus Gaunern und Gauklern, Schaustellern, Medien- und Kirchenvertretern, Politikern, Jokern und „ zweigesichtigen Monstern“ dem sich mit zunehmender Wucht entladenden Sturm des „Weltengerichts“ ausgesetzt. Der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering konstatiert die mit dem Inhalt kontrastierenden Mittel, die Dylan auffährt wie folgt: „“Es ist die karnevalistische Vitalität des theatralen Spiels selbst, das sich dem Sterben widersetzt. Karnevalisierung bestimmt - und unterminiert - das vertrackte Ineinander von Mafiageschichte und Königsdrama, Parabel und Politsatire, Musical, Mysterienspiel und Shakespeare-Panoptikum. Dem Welttheater, dessen hier zitierte Ausdrucksformen ja immerhin von Aischylos über das Mittelalter bis zu Brecht reichen entspricht dabei die Weltmusik des Soundtracks. (…)Mag sein, dass der Tod sie alle holt, diese Könige und Bettler - aber er tut es im musikalischen Spiel, tanzend zu Dylans Musik."  Dylans Musik und Szenen werden im neuen Akademieprojekt der Bühnenbildklasse Anlass für divergierende theatralische Neukonzeptionen sein. Im kreativen Vorgang eines „Fremdmaterial - Überschreibungsprozesses“, eine bearbeite Mixtur aus wahren und erfundenen Informationen, ähnlich wie Dylans bei Plato, Shakespeare bis zu Allen Ginsberg aufgefundenen Verwertungen, ist es die selbstgesetzte Aufgabe der Studierenden, die beschworen-verschollenen, aber auch die gegenwärtigen Geister zu entdecken und auf ihre Weise neu zu beleben.

Akademie der Künste Berlin im Oktober 2017
mehr unter: http://www.adk.de/de/programm/?we_objectID=57247


disparat - ein theatrales scherenspiel


Konzeptionsentwurf für die Bühnenbildklasse der Universität der Künste in Kooperation mit der Akademie der Künste Berlin, geplant für Februar 2016

Mit subversivem Witz und Schrecken entfachen die StudentInnen ein "Menschen-Monster-Mutationen"-Spektakel, dass sich zu festgelegter Stunde theatralisch belebt: Das Publikum auf dem Pariser Platz wohnt einer Scherenschnitt-Theater- Performance über 5 Stockwerke der Glasfassade der Akademie der Künste mit Live Musik bei.

"Die Zeiten sind so wunderlich, dass niemand wissen kann, ob er ohne Verlust seines Lebens wieder heraus kommt (…) ."
Grimmelshausen, Simplicissimus Teutsch (2. Buch 8.Kapitel)

Grimmelshausens Zeilen treffen den Nerv der heutigen Zeit in einem von Krisen und Krieg geschüttelten Europa. Das Leben in einer disparaten Welt wird zum Ausgangspunkt des Projektes. Die Fassade der Akademie der Künste wird dabei zur Austragungsfläche eines bildkräftigen Scherenschnitt-Theaters im Geiste von Grimmelshausen, Goyas caprichos und co: Durch die Hinwendung zur Verfremdung, zum "mechanischen Theater", entsteht eine eigene Bilder-Welt, mit grotesken und absurden Zusammenhängen oder disparaten Größenverhältnissen und Mitteln. Verwendet werden Realitätsbruchstücke, deren "Verschnipselungen" in der künstlerischen Verarbeitung neue, irritierende Sinnzusammenhänge ergeben.

"Wir werden die Kunst des Grauens lernen und die Kunst des Springens und Rennens und Fluchens. Jeder Einzelne von uns wird eine wandelnde Enzyklopädie des Schreckens, der Angst und der Brutalität sein(…)"
Aboud Saeed: the smartest guy on Facebook (Syrien 2011-2013)

Dieses Projekt wurde - trotz großen Zuspruchs - von der Mehrheit der künstlerischen Direktoren der Abteilungen der Akademie der Künste abgelehnt. In der Begründung hieß es unter anderem, das von den Studenten entwickelte Bildmaterial sei zu drastisch.




REDSAME MÄNNER
szenische Version der a capella Männerchöre von Richard Strauss

Der Österreicher hat eine Zweizimmerwohnung. Das eine Zimmer ist hell freundlich, die gute Stube, dort empfängt er seine Gäste. Das andere Zimmer ist abgedunkelt., finster, verriegelt, unzugänglich, völlig unergründlich (...)"
Erwin Ringel, Eine neue Rede über Österreich, 1983

Der berühmte Psychiater Erwin Ringel (1994 in Kärnten gestorben) führt mit Auszügen aus seiner bedeutenden "Neuen Rede über Österreich" (1983) , als roter Faden durch den Abend. Als getriebener Untoter kann er nicht davon lassen, sich an seinem geliebten, aber auch gehassten Österreich abzuarbeiten. 
Wir befinden uns in einer eigenartigen Parallelwelt, einem zweiten Österreich, gemäß dem musikalischen Ton von Strauss, der das volkstümlich Bekannte durch abrupte Rhythmusverschiebungen oder unerwartete harmonische Wendungen gleichsam aus dem Vertrauten ins Befremdliche katapultiert. 
Das österreichische Haus ist behaust von Geistern und Dämonen, in den Chören beschworen, durch die Menschen verkörpert, die je nach Laune und Stimmung oder Willen Erwin Ringels wild hin und her springen, Aussehen und Haltung schlagartig ändern können. 
Das Haus, eben noch heimelig und Ort gemeinsamer Versammlung, kann plötzlich selbst zum Akteur werden, indem es seine Bewohner verschluckt und nach eigenem Belieben bei der anderen Tür  als dämonisch Verwandelte wieder ausspuckt. Altvertraute Zeichen können ihre Bedeutung ins Gegenteil verkehren: was eben als Sinnbild des Guten galt ist nun die Ausgeburt des Teufels. 
Gewissheit in diesem durchaus irritierenden  Spektakel des gesellschaftlichen Panoramas ist die Gemeinschaft, die ihre Existenz und Identität im gemeinsamen Akt und Gesang stetig gegen alle Widrigkeiten behauptet, auch gegen denTod, der an jeder Ecke lauert. ....
 

"Nur Bewußtes kann verändert werden, Unbewußtes natürlich nicht. Und so werden durchaus revidierbare Dinge erst durch Verdrängung unveränderbar, wir müßten also singen: „Unglücklich ist, wer vergißt, was dann nicht zu ändern ist!“ 
(...)
Erwin Ringel, Eine neue Rede über Österreich


Eröffnung der Tiroler Festspiele, 9.Juli 2015
Inszenierungsteam (in alphabetischer Reihenfolge):
Katja Czellnik, Hsuan Huang, Stefanie Lindner, Thomas Mandl, Hartmut Meyer und Martin Miotk als Erwin Ringel.







 

„Man muss die Toten ausgraben, wieder und wieder, denn nur aus ihnen kann man Zukunft beziehen. Nekrophilie ist Liebe zur Zukunft. Man muss die Anwesenheit der Toten als Dialogpartner oder Dialogstörer akzeptieren – Zukunft entsteht allein aus dem Dialog mit den Toten.“ (Heiner Müller)

GERMANIA Eine Geisteraustreibung in der Akademie der Künste am Pariser Platz


Konzeptentwurf, Vorstellungen 19. bis 22. Februar 2015

Nach ihrer spektakulären Ring-Inszenierung als performative Wanderschaft durch die Räume der Akademie der Künste am Hanseatenweg planen die Bühnenbildstudenten der Udk nun einen Angriff auf das Hauptgebäude der Akademie am Pariser Platz:
Dort gibt es seit geraumer Zeit mysteriöse Probleme mit der Belüftungsanlage und dem Grundwasser. Die Geister der Vergangenheit scheinen durch diese Kanäle an die Oberfläche zu drängen und drohen das Haus viral zu verseuchen: Albert und Adolf laborieren im Untergrund unentwegt an ihrem Entwurf zur Welthauptstadt GERMANIA, der architektonischen Versinnbildlichung politischer Totalherrschaft!
Verschollen oder vernichtet geglaubte Teiles des Originalmodells tauchen wie Eisschollen gespenstisch in Ecken und Atelierräumen der Akademie wieder auf, zwingen den Insassen neue Wege und Haltungen auf, infiltrieren sie mit politischem Gedankengut, während vor dem Brandenburger Tor bereits eine größer werdende Schar Totgeglaubter im Gleichschritt vergesse Märsche intoniert und sich zum Einzug in die Stadt formiert.
Akute Gefahr ist im Verzug!
Im Ghostbusterwagen rauscht unser Emergency-Team an und unterzieht das Haus einer Schocktherapie:
Nazimusik wird die Wände zum Vibrieren bringen um die Geister endgültig aus der Reserve zu locken. Sie werden dabei assistiert durch eine Gruppe von Asylanwärtern, die glücklich sind, die von ihren Urahnen überlieferten Vodoo-Methoden nun auch auf Hitler und Co anzuwenden....
Die wandernde Gruppe der Schaulustigen die dem Spektakel beiwohnt ist erstaunt, welche bizarren Geister da so alles zum Vorschein kommen: möglicherweise liefern sich Marika Rökk und Zarah Leander ein erbittertes Kill Bill Gesangsduell in den Toiletten (weil da die Stimme so schön klingt), während sich Johannes Heesters in den Katakomben eine Art Stummfilmkino eingerichtet hat wo er im Endlosloop "Ein Lied geht um die Welt" zur historischen Originalfilmaufnahme zelebriert, während Luis Trenker vom Berg gerufen wird und sich im Treppengewirr verirrt.
Auszüge aus Heiner Müllers GERMANIA TOD IN BERLIN kommen ebenso zum Tragen wie Originalmaterial von Adolf Hiitler, Nietzsche und Co. Wir sind noch dabei, das historische Material zu sichten und zu einer grotesken Totenrevue mit ultimativem showdown vor dem Brandenburger Tor zu bündeln!
Wie immer bei KO werden die jungen Menschen der Bühnenbildklasse sich Teams zusammen suchen bestehend aus Musikern. Sängern, Schauspielern, Puppenspielern, Filmemachern und sonstigen Kreativen.
Auszug aus Touristenführer zur Akademie der Künste am Pariser Platz:
(...) which became the Nazi’s Generalbaudirektion (Head Office of Construction). Albert Speer – Hitler’s architect – used it as his headquarters to model and redesign Berlin into Nazi visionary ‘Germania’ as the capital of the German Reich.
(...)Vorteil der Lage am Pariser Platz war, dass Hitler zu Fuß durch die Ministergärten zum Palais gelangen konnte, um dort unbemerkt von der Öffentlichkeit die Modelle und Pläne für den geplanten Umbau Berlins zur ‚Welthauptstadt Germania‘ zu besprechen und zu besichtigen.
(Wikipedia Artikel zum Generalbauinspektor Albert Speer)






der idiot und das team


"...aus der conditio humana selbst folgt, daß Menschen ihre begrenzten Intelligenzen so miteinander kombinieren sollten, daß sie gemeinsam klüger würden."
(Sloterdijk)

Schaut man auf die jüngere Entwicklung im Theater, so fällt angenehm auf, dass die Zeit der starren Hierarchien allmählich vorbei zu sein scheint.
Ein Systemwechsel steht bevor, sicher auch begünstigt durch das Gefühl der Stagnation, der Lähmung oder - noch schlimmer - der Überflüssigkeit.
Neue Impulse kommen interessanterweise meist von unterschiedlich zusammengewürfelten Kollektiven aus den Grenzbereichen zur freien Produktion oder - im Musiktheater - aus der Hinwendung des Sprechtheaters zum (leider oft falsch verstandenen) Pathos.

Im Schatten der wankenden Großinstitutionen, die ihre Position durch Fassadenklitterung behaupten wollen, anstatt die eingerostete Konstruktion einer Grunderneuerung zu unterziehen, schiessen neue Keimzellen emsiger Produktivität wie die Pilze aus dem Boden. Statt karriereorientiertem Alleingang herrschen dabei Teamgeist und die Neugier auf das jeweils Andere vor, das Bedürfnis nach Potenzialergänzung im Idealfall durch ein virtuoses "tiqui taca" Spiel. Beweglichkeit, Mut zum Positionswechsel und Austausch sind gefragt, mehr als Originalität, Positionsbehauptung und Abgrenzung.
Solche Dinge können im Bewusstsein verankert und trainiert werden, vorausgesetzt, der Spieler erkennt den Wert des Teamspiels.

"Der Idiot ist Experte fürs Eigene und Laie für alles übrige, und in diesem Sinn sind alle Menschen in einem wohlverstandenen Sinn zunächst und zumeist idiotisch."
(Sloterdijk)

In so einer neu zusammengestellten Mannschaft ist auch die Position des "Bühnenbildners" einer Überprüfung zu unterziehen entwickelt sich eine szenischen Konzeption doch im gegenseitigen Ballzuspiel, bei dem man im Idealfall am Ende nicht mehr unterscheiden kann, wer auf welcher Position spielt, bzw. unwichtig wird, durch wen der Punkt errungen wurde.
Die (künstlerischen) Mittel sind dabei sekundär, bzw. müssen einem ständigen Updating unterworfen , der jeweiligen Spielstrategie angepasst und entsprechend verändert werden.

Gerade haben wir bei dem Komponisten Helmut Oehring, zu dessen 2006 in Basel uraufgeführten Oper UNSICHTBAR LAND wir zur Zeit szenische Konzeptionen entwickeln, erleben können, wie wunderbar sich so ein Team erweitern kann. Im Gespräch legte er dar, wie Konzeption und musikalische Entstehung des Werkes im permanenten Dialog mit Regie und Bühne entstanden ist. Ein schönes Nebenergebnis dieser Begegnung war seine offensichtliche Begeisterung von den unterschiedlichen Konzeptionen der Studenten zu seinem Werk und die daraus formulierte Idee einer künftigen gemeinsamen Arbeit.

So erleben wir immer wieder, dass sich aus vermeintlichem "Trockenschwimmen" bzw. "Simulationstraining für den Ernstfall" während der Semesterarbeiten ganz plötzlich Möglichkeiten eröffnen, die in Bereiche der professionellen Produktion reichen.

Angeregt wird das unter anderem durch Verlinkung der Semesterarbeiten mit Profi-Produktionen aus den unterschiedlichsten Gebieten.
Während der Arbeit an TERRORISMUS der Brüder Presnjakov hatten wir neben dem Dramaturgen des Deutschen Theaters Roland Koberg den russischen Filmregisseur Andrej Nekrasov mit seinem neuesten Film über Anna Politkovskaja und Alexander Litvinenko (THE LITVINENKO CASE)bei uns im Atelier.
Zu 3 VON 5 MILLIONEN den Stückautor Armin Petras (alias Fritz Kater), zu den PERSERN die Kosovo-Reporterin Caroline Fetscher, und nun zu UNSICHTBAR LAND den Komponisten Helmut Oehring.

Erste Schritte in die Profiwelt sind inzwischen wesentlich schneller gemacht: Immer mehr Theater leisten sich Nebenspielstätten und Werkstattbühnen, wo der Nachwuchs ran darf.
Dabei mag oft auch der finanzielle Faktor eine Rolle spielen: in Zeiten von Etatkürzungen sind die jungen Teams einfach auch billiger als die großen Stars. Aber umgekehrt ergeben sich eben genau dadurch auch eine Vielzahl von Chancen, wie sie noch vor 10 Jahren so nicht bestanden haben.
Entscheidend ist, dass man all diese Möglichkeiten - auch die während des Studiums (so z.B. die halbjährigen Regiearbeiten der Studenten in Zusammenarbeit mit der Komischen Oper und dem Hebbeltheater)- nicht als Vorausgesetzt annimmt. Meint man den "Sieg schon in der Tasche zu haben" ist das Spiel bereits verloren.

Das ist eine Einstellungsfrage, bzw. die nach einer Haltung, die neben Lust und Spielfreude eben auch Hartnäckigkeit, Ausdauer und Unbedingtheit fordert. Ohne diese Haltung braucht man gar nicht erst anzutreten, davon geben unsere eingeladenen "Experten des (Profi)Alltags" eine Ahnung.

Katja Czellnik, Gastprofessorin Universität der Künste, 2009








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